Der Heiße Scheiss – Prat de Balaguer

LOST TRACK Reiseblog – Frankreich

Die Zeit war gekommen weiter zu ziehen und Leucate den Rücken zu kehren. Wobei das gar nicht so einfach war und wir noch eine weitere Nacht blieben, die wir in La Franqui verbrachten. Unser Plan uns in die Pyrenäen auf zu machen bot einige Schnittpunkte mit Nick’s Plan heiße Quellen in den Bergen aufzusuchen. Auf dem Weg dorthin wollte er uns noch einige Dinge zeigen, bei denen „uns einer abgehen würde“, bevor wir uns an den Quellen auch mit Siggi treffen würden, den wir zuvor bereits in La Franqui kennengelernt hatten.

Also zogen wir mit unserer kleinen Horde Richtung Perpignan um uns dort auf die Einöde in den Bergen vorzubereiten und unsere Vorräte aufzustocken. Des weiteren wollten wir noch einige Dinge zum Warten des Toyotas besorgen, bevor das Gelände rauer würde. Und wir wollten einen Rat von Siggi befolgen und eine Änderung an unserer Bordelektronik vornehmen, um unsre Zweitbatterie zu schonen. Solartechnik war so ne Art Hobby von dem Guten. Er hatte bereits in Ecuador, im Zuge von Travelworks, an einer Schule mit Kindern kleine Solarprojekte umgesetzt.

Unterwegs wurde direkt der erste Zwischenstop an einer kleinen Quelle eingelegt. Kaum zu glauben, dass man so etwas direkt an der Autobahn A9 findet. Das Wasser war traumhaft, und bot ein Farbspiel aus Blau- und Grüntönen und es war … tja erfrischend. Die Trucker schauten nicht schlecht und wir bildeten uns ein Neid in ihren Blicken zu erkennen. Eine schnelle Querung des kalten Nasses, um den Feigenbaum auf der anderen Seite auf Beute zu untersuchen, war genug des Guten. Leider war auch an diesem nichts zu holen. Wir suchten seit Ankunft in Leucate nach der wunderbar süßen Frucht, hatten wir doch in der Vergangenheit, die Leckereien direkt von Baum schnabulieren können. Bis lang Fehlanzeige!

Nick klärte uns ganz in Führermanier über die Quellen auf. Er war in seinem Metier, arbeitet er doch als Führer im Kölner Schokoladenmuseum. Das Wasser weder Süß- noch wirkliches Salzwasser, aber es sei auf alle Fälle mineralisch. Es tritt aus einer Felsspalte aus, an die ein Höhlensystem angeschlossen ist. Über die Jahre ist es wohl zu einem Hot Spot für Taucher geworden und es werden Höhlentouren angeboten. Sogar Jaque Cousteau soll hier bereits abgetaucht sein. Aha! Abfahrt, weiter ging es Richtung Perpignan.

In Perpignan wartete der Kommerz auf uns. Die benötigten Kabel und Stecker zum Umbau der Elektrik bekamen wir nicht, aber immerhin neues Fett zum Warten des Antriebsstrangs vom Toyota. Frei nach dem Motto, wer gut schmiert der gut fährt, stand die schmierige Angelegenheit auf dem Plan, bevor es in die raue Bergwelt gehen sollte.

Nachdem das nötige Übel abgehakt war ging’s weiter, nicht ohne einen weiteren Badestop an einem Bergsee. Mit dem aufziehenden Schatten, wich auch unsere Ambition uns ein weiteres Mal zu wässern und lediglich Nick machte sein Ding und drehte eine Runde mit der zuvor neu erstanden Schwimmbrille. Gemeinsam machten wir einen ein Kilo schweren Erbeer-Vanille-Kuchen nieder und paarten diesen mit einer ordentlichen Menge an frischer Milch. Luxus pur! Unser Süßwarenkonsum ging seit verlassen Deutschlands gegen Null und ausschließlich Agavensirup versüßte Timos Tee.

Obwohl das Tageslicht schwand entschlossen wir uns für einen weiteren Zwischenstop in der Festung Liberia in Villefranche de la Conflent. Tagsüber der absolute Touristenmagnet mussten wir uns das alte Gemäuer am Abend lediglich mit einigen Einheimischen teilen, die den Tag in den Kneipen der historischen Kulisse ausklingen ließen. Wir bummelten ganz gemächlich durch das Örtchen. Nick konnte man eine gewisse Müdigkeit anmerken, denn er nahm kaum noch die Führerrolle ein. Auch ohne weitere Details, war der Anblick der Festung mit den Bergen im Hintergrund eindrucksvoll.

 

In absoluter Finsternis erreichten wir dann unser eigentliches Ziel, Prat de Balaguer. Zunächst mussten die gezerrten Kräfte wieder aufgefüllt werden und wir befeuerten schnell die Outdoorküche um gemeinsam zu Essen. Nach dem Essen stiegen wir dann von der Kirche des Ortes hinab zu den Quellen. Am Wegesrand Stand Siggi bereits in den Tiefschlaf verfallen. Wir weckten ihn so verträglich wie möglich, aber er hatte verständlicher Weise keine Motivation mehr, ein weiteres Mal Baden zu gehen, hatte er doch schon seine zwei Gänge hinter sich. Wir machten uns also zu dritt unter Aufgebot der maximalen Leistung unserer Stirnlampen auf den Abstieg zur heißen Quelle. Diese ist über 60 Grad heiß und speist sechs verschiedene Becken hangabwärts. Wir entschlossen uns für das dritte Becken, da uns die Temperatur lag und man außerdem eine heiße Dusche unter einer Regenrinne nehmen konnte. Genial! Die Becken wurden von anderen Badegästen mit Kerzen oder mit bunten LED´s beleuchtet, man fand Traumfänger in den Bäumen und es lag der Duft von Gras in der Luft. So verbrachten wir einige Stunden im warmen Wasser mit dem Blick in den Sternenhimmel. Auf dem Rückweg füllten wir im Ort noch unsere Trinkflaschen mit frischem Bergwasser auf, dass kalt, klar und wohltuend war. Der Blick auf die Kirchturmuhr verriet, dass unsere schrumplige Haut nicht gelogen hatte, es war mittlerweile 2 Uhr in der Früh.

 

Am kommenden Morgen lag der Badeappell bei 9 Uhr. Damit passten wir ideal in den Rhythmus von Siggi der uns kurzerhand begleitete. Bei Tageslicht konnten wir das gesamte Ausmaß des Warmwasser-Badetourismus ausmachen. Jeder Parkstreifen der sich in den Serpentinen bot wurde zum Campen genutzt. Im Wald waren etliche Zelte aufgeschlagen. Waren die sechziger tatsächlich vorbei? Nein, hier lebten sie fort. Der pure Hippievibe. Dementsprechend sah hier der gemeine Badetourist aus. Keine Liegen die mit Handtüchern besetzt wurden, diese und die Klamotten fanden Platz auf Seilen, die zwischen den Bäumen gespannt waren. Selten haben wir „so“ alte, so fitte Menschen gesehen. Leute lehnten an den Bäumen spielten Gitarre, Flöte oder Oboe. Obwohl es uns in Stoßzeiten zu voll war und wir meist nur die Phasen nutzten in denen man mit maximal 5 Leuten in einem Pool war, ging es voll klar. Die Leute waren entspannt. Und überhaupt, dafür dass hier so viele Menschen zusammenkamen, war es ungemein sauber! Man fand keinen Müll, was in Frankreich, gerade an Campingspots nie der Fall ist. Sind Hippies also doch die besseren Menschen?

 

Nach dem Badegang folgte der Aufstieg, der einen nochmal so richtig ins Schwitzen brachte. Diesmal war er nur halb so lang, da Siggi sich zu uns gesellen wollte und wir in seinem Bulli Platz fanden. Oben im Ort angekommen schlugen wir dann unser Lager auf und rotteten uns zusammen. Am Nachmittag schwang sich Siggi an den Herd, er hatte uns Fachitas versprochen. Wir saßen in der Sonne bei gemeinsamen Vorbereitungen und gerieten in angeregte Unterhaltungen. Siggi, der aus der Nähe von Eisenach stammte, arbeitete einige Jahre als Snowboardlehrer bei Hoefer Sport und Reisen aus Stade, war dem Motordrachenfliegen verfallen und war auch dem Wind bzw. Kitesurfen zugeneigt! Es gab also diverse Anknüpfungspunkte.

 

Die kommenden Tage unternahmen wir noch einige gemeinsame Badegänge, bevor sich Siggi auf den Heimweg begab. Nicht ohne uns noch einen 12V Lötkobeln, etwas Lötzinn und eine Flasche spanischen Rotwein, guten Kaffee und Medizin für Lisa zu vermachen. Ein Leben ohne Lötkolben, war für Siggi nicht vorstellbar und uns wird er mit Sicherheit noch wertvolle Dienste bei der Bordelektronik erteilen.

Wir frönten einen weiteren Tag dem Badetourismus, bevor Lisas Gesundheit anfing noch größere Probleme zu bereiten. Auf einmal war er komplett zurück der miese Reizhusten und zu allem Überfluss gab’s noch Probleme mit den Atemwegen und dem Kreislauf. Am Ende musste Nicks letzter Programmpunkt, einer 6 stündigen Wanderung durch die Schlucht von Caranza ausfallen, denn die Höhenlage trug seinen Teil zur Symptomatik bei. Somit haben wir den Bergen nochmals den Rücken gekehrt, um nochmal wieder ans Mittelmeer zurückzukehren und Kräfte zu sammeln, bevor wir uns den Herausforderungen der Bergwelt erneut stellen. Mittlerweile geht’s Lisa wieder besser. Es wird abgehangen in der Matte, die abendlichen Spaziergänge werden immer länger, die Sonnenunter- und die Mondaufgänge täglich spektakulärer und wenn man sich schon häuslich einrichtet, naja, dann wird auch mal die Wäsche gewaschen.

 

Nun nehmen wir uns noch die Zeit um jegliche Zweifel an absoluter Gesundheit zu verlieren, bevor es in die Berge und womöglich in die Schlucht von Caranza geht. Nicks Programm war dennoch stark!