Stresstest – Afrika

LOST TRACK Reiseblog – Mauretanien / Senegal

Den ersten Stresstest haben wir nicht be- aber überstanden. Mit dem Übertreten der mauretanischen Grenze war es nun vorbei mit dem unbeschwerten Reiseleben. Alle Welt spricht davon, dass Marokko nicht Afrika ist und nun sollten wir eine erste Kostprobe von dem bekommen, was uns auf diesem Kontinent noch so erwartet. Als erstes Ziel steuern wir Nouadhibou im Norden des Landes an, um uns hier für den 460 km langen Choumn-Track vorzubereiten, ein Wüstentrack, der entlang der Erzeisenbahn ins Landesinnere und quer durch die Sahara führt. Bargeld und eine Simkarte stehen auf der Liste. Unser Timing ist dabei brillant: es ist das Ende des Fastenmonats Ramadan und wir erreichen die Stadt am Abend des Fastenbrechens. Jedermann will nach Hause zur Familie, um sich nach einem Monat Zurückhaltung eine ordentliche Infusion Zucker zu geben. Es herrscht Ausnahmezustand und wir sind mittendrin! Das Verkehrsbild wird dabei souverän von alten Mercedes 190 und 220 beherrscht. Man gewinnt den Eindruck, dass selbst zu Produktionszeiten weniger Exemplare in deutschen Mercedeswerken zu finden waren. Allerdings haben die mauretanischen Merzer nicht gerade Auslieferungszustand, man sieht kaum einen bei dem der Kofferraum noch schließt, oder die Türen nicht hängen und Beleuchtung ist sowieso überbewertet. Doch die Hupe, die funktioniert bei jedem einzelnen von ihnen und sie kommt auch ununterbrochen zum Einsatz. Reicht die akustische Geste nicht aus um sich Raum zu verschaffen, wird das gesamte Auto in Autoscoutermanier in den Ring geworfen. Wir enden so einige Male in verstopften Kreuzungen in denen mauretanische Crashtests stattfinden. Und mittendrin, zwischen den ganzen Mercedessternen findet man noch den obligatorischen Eselskarren, Kühe und Ziegen. Von unserem Auto hält man einen respektvollen Mindestabstand von gefühlten zwei Zentimetern. Wir sind froh! Ok, das fühlt sich jetzt schonmal nach Afrika an!

LOST TRACK Reiseblog Afrika Weltreise Overlander Life on the road Mauretanien Sahara Wüste Toyota Land Cruiser Offroad 4x4 Währungsänderung Geldscheine OuguiyaWir verbringen den Abend und den Vormittag des Folgetages in Nouadhibou. Am zweiten Tag haben wir nach mehrmaligem Aufsuchen der selben Geldautomaten endlich 170 € zusammen, gerade so viel, dass wir nach dem Choumn-Track in Atar beide Dieseltanks wieder vollmachen können – das denken wir zumindest.

Die Simkarte verschieben wir auf wann auch immer, viel zu stressig das Ganze hier. Die Dosis Nouadhibou reicht allemal und wir sind froh als wir die Stadt endlich Richtung Norden verlassen. Die Strecke führt uns zunächst an den selben Polizeikontrollen vorbei, die wir den Tag zuvor schon passiert hatten. Trotzdem wird wieder ein Fiche, eine Auflistung unserer Ausweis- und Fahrzeugdaten, verlangt. Papierkrieg á la Afrika.

 

Als wir dann den Abzweig entlang der Eisenbahntrasse nehmen sind wir schnell zurück im großen Nichts der Sahara.

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Entlang der Trasse befinden sich nur wenige Ansammlungen von Baracken, die überwiegend aus mehr oder weniger alten Bahnschwellen und Planen bestehen. Selbst in den Siedlungen gibt es wenig Anzeichen von menschlicher Aktivität. Es ist schlicht zu heiß, als dass man Leute „auf der Straße“ sehen würde. In einer solchen Siedlung sieht Lisa dann doch jemanden, der uns zu verstehen geben will, dass wir anhalten sollen. Er trägt ein Maschinengewehr, was Lisa nicht gerade geheuer ist. Erst als wir in sicherer Entfernung sind erzählt sie, welche Szene wir gerade passiert haben. Das sollte aber auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir ein Maschinengewehr zu Gesicht bekommen. Beim nächsten Mal halten wir allerdings an und können feststellen, dass es sich lediglich um eine Polizeikontrolle handelt, wobei eine Vielzahl der Polizisten under cover zu arbeiten scheint, Uniform Fehlanzeige. Unserem mauretanischen Freund und Helfer können wir nach Abhandlung der Formalitäten: Fiche, woher wir kommen und wohin wir wollen, noch mit unserem Kompressor aushelfen. Ihrem LandCruiser Pickup ist die Luft ausgegangen.

Nachdem mauretaniens Polizei wieder mobil ist, freuen wir uns wie Bolle über Fahrtwind der zumindest für minimale Abkühlung sorgt. Für die Strecke bis zu den beiden Monolithen Ben Amera und Ben Aisha, die im letzten Drittel der Strecke liegen, brauchen wir am Ende vier Tage. Vier Tage, die uns durch wunderschöne Wüstenlandschaft führen. Die Dramatik ist dabei eine ganz Neue, nicht zu vergleichen mit unseren Erlebnissen aus Marokko. Krasser! Kaum Siedlungen, oder anderes Leben, eine Weite und Ruhe, die einen demütig macht. Extrem und wunderschön!

 

Doch auf der Strecke macht sich unser vorderes Differenzial immer mal wieder akustisch und mit einem kurzen Ruck bemerkbar und wir sind besorgt, dass wir womöglich unseren Allradantrieb verlieren könnten. In diesem Terrain fatal, gerade weil unsere Reifenspuren abschnittweise die einzigen sind, die man im unendlichen Sandmeer zu finden scheint. Und auch ein kurzer, aber für Lisa doch recht schmerzhafter Freiflug über eine gut versteckte Sandrampe, holt uns wieder auf den Boden der Tatsache, dass wir hier auch im Ernstfall allein sind. Doch das Differenzial hält und Lisas dicke Lippe kommt ohne Nadel und Faden aus! Wir erreichen Ben Amera, den weltweit drittgrößten Monolithen, gerade rechtzeitig um hinter ihm in Deckung zu gehen. Es zieht ein Sandsturm auf und schon die letzten Kilometer war die Sicht echt miserable. Im Windschatten Ben Ameras ist der Wind gemäßigt, wir bleiben und freuen uns über ein paar wenige echte Regentropfen! Zumal uns die Temperaturen so einiges abverlangen, liegen diese tagsüber fern der 50 Gradgrenze und nachts noch bei 40 Grad. Selbst unser Kühlschrank, der aus Südafrika stammt, verweigert den Dienst und lässt uns ohne Aussicht auf Abkühlung zurück. Teewasser muss fortan nicht mehr gekocht werden.

 

Am Morgen hat sich der Wind beruhigt und wir peilen das nächste, kleinere Steinmassiv Ben Aisha an. Dort angekommen begeben wir uns auf die Suche nach Skulpturen, die zur Jahrtausendwende als Zeichen für den Frieden von internationalen Künstlern hinterlassen wurden. Nachdem wir Aisha fast komplett umrundet haben werden wir fündig. Die Szenerie lädt zum Verweilen ein und wir hoffen auf schönes Licht am nächsten Morgen um stimmungsvolle Fotos von den Skulpturen machen zu können. Das blieb uns zwar leider verwehrt, da die Luft immer noch ordentlich Sand geschwängert war, aber trotz alledem war es eine wahnsinns Erfahrung und wir konnten unsere Seelen für einen Tag baumeln lassen.

 

 

Mit dem unguten Gefühl, dass unser Allradantrieb jederzeit ausfallen könnte verlassen wir die Frau von Ben nach dem Frühstück. Dabei nehmen wir nicht den leichten Weg, den wir gekommen waren, sondern versuchen abzukürzen und schlagen uns Querfeldein durch die Dünen. Sogleich landen wir auch schon im ersten Weichsandfeld des Tages und setzen den Karren erstmal ordentlich ins Tal zweier Dünen. Wir buddeln was das Zeug hält, nutzen Sandbleche, Fussmatten und schlussendlich auch noch den Wagenheber. Nach viel Flucherei ist es vollbracht, Freitag wieder geborgen und wir froh aus der Glut der Sonne raus zu sein. Doch der Tag sollte ein sportlicher werden, haben wir doch gestern auf der faulen Haut gelegen. Auf dem letzten Stück des Tracks, zurück auf die Südseite der Bahnschienen wo der eigentliche Track verläuft, versinken wir noch diverse Male im Sand. Sandbleche raus, buddeln, Sandbleche drunter, Freitag drauf, Freitag runter, buddeln, Sandbleche raus, drunter … Der Spass wäre auch ohne 50 Grad plus nervig, aber mit hinterlässt uns die Buddelei völlig zermürbt. Zurück auf dem Track verläuft die Weiterreise bis Choumn ereignislos und das Differenzial durfte sich nach unnötiger Belastung ein wenig entspannen. Ab Choumn nehmen wir die asphaltierte Straße bis nach Atar.

Kurz vor Atar endlich der lang ersehnte Brunnen. Mit nahezu komplett ausgeschöpften Wasserreserven hatten wir schon an der ersten Militärkontrolle um’s Auffüllen einer unserer Wasserflaschen gebeten. Die heiß ersehnte Dusche fällt zwar aus wegen Zuschauern, dafür kriegen wir aber zwei kleine Honigmelonen geschenkt, die im aufflammenden Wind, den wir schon am ersten Tag „Dragon’s Breath“ tauften, wie eine kurze Erlösung wirkten.

Wir erreichen Atar, der erste Gang führt uns in einen Copyshop, da unsere Fiche-Drucke langsam knapp wurden. Danach geht es mit Cyleiman und Ahmed, die vorgeben ortskundig zu sein und wie ganz nette und lustige Burschen wirkten, in die Werkstatt ihres Vertrauens. Unser Problem verständlich zu machen, bedarf der Sprachbarriere geschuldet, einige Zeit. Als das Problem verstanden ist, wird fortan von viel Arbeit und einem fairen Preis für einen guten Job gesprochen. Der Preis wirkt im Gegensatz zu Marokko recht hoch und wir vertagen die Entscheidung, unseren Toyo hier reparieren zu lassen, erstmal auf morgen. Es fällt uns nicht leicht, doch für den Besuch der heiligen Stadt Chinguetti und den weiterführenden Track, den wir uns ausgeguckt hatten, ist ein funktionierender Allradantrieb ohne Fragezeichen unumgänglich. Mit der Entscheidung zur Reparatur begehen wir allerdings einen riesen Fehler!

Der riesen Job ist am Ende in drei Stunden getan und unser Auto kaputt repariert – wobei wir das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen. Für die drei Stunden ist der verhandelte Preis total überzogen und unsere Erwartungen an die Reparatur alles andere als gedeckt. Es bedarf viel Verhandlung und Nerven ihn zu drücken. Da die Arbeiten am ersten Tag nicht abgeschlossen sind kommt es, trotz vehementem ungutem Gefühl zu einer Anzahlung unsererseits, da wir ko und ausgemergelt sind und keine weiteren zwei Stunden Diskussion überstehen würden. Fast in der Dunkelheit kommt es zur Geldübergabe, 30.000 von den auf 40.000 runtergehandelten 60.000 Ouguiya. Doch durch mehrere Hände fliesst ein Großteil des Geldes wieder in unsere. Wir werden aufgeklärt, dass es zu Beginn des Jahres zu einer Währungsänderung kam, was weder der Währungsrechner noch der Bankautomat ausgewiesen hat. Das Geld hat ohne für uns sichtbar zu sein den zehnfachen Wert, aber Allewelt spricht natürlich noch in alter Währung. Da wir nun „nur“ 3.000 anstatt 30.000 zahlen müssen denken wir im ersten Moment nur ca. 7,20 € anstelle von 72 € gezahlt zu haben und händigen aufgrund des Missverständnisses spontan doch die gesamten 6.000 Ouguiya aus, da uns 14,40 € für die Arbeit dann doch mehr als fair erscheinen. Dass es im Endeffekt ganze 144 € waren realisieren wir leider erst zu spät. Am Ende ist es sehr, sehr dunkel um uns. Alle sind verschwunden und ebenso 120 € die man uns bei dieser Aktion auch noch zusätzlich gestohlen hat.

Am Folgetag versuchen wir unser Geld vergebens zurückzugewinnen, keiner weiß von nichts. Obendrauf machen jetzt unsere Radnaben auch nach zehnfachem Auseinandernehmen noch Geräusche, die vorher nicht da waren. Nach völlig zermürbenden weiteren Stunden in der „Werkstatt“ scheint das Problem letztendlich behoben, wir sind skeptisch – zu Recht, aber der erste Test erscheint positiv, doch auch der Schein trügt. Als Ahmed bei der Verabschiedung dreister Weise auch noch nach einem Geschenk fragt, platzt uns der Kragen. Wir haben genug von der ganzen Scheiße, wollen einfach nur raus! Raus aus unserer Haut, den Betrug hinter uns lassen und raus aus Mauretanien. Unser Vertrauen in die Menschen und die afrikanischen Werkstätten, dass wir nicht zuletzt in Marokko gewonnen haben, wurde hier auf’s herbste missbraucht.   

Mit einem Gefühl absoluter Leere, wie man es eher mitten in der Wüste erwartet hätte, entfliehen wir Atar. Fühlten wir uns in der Wüste lebendig wie selten zuvor, waren wir nun gefühlstot wie jedes der Sandkörner. Wobei das nur die eine Facette unserer Gefühlswelt war, dazu gesellten sich Wut, Wut auf diejenigen die uns und unser Vertrauen betrogen haben und Wut auf uns, dass wir zu dumm und naiv waren. Selbstzweifel überkamen uns, waren wir etwa nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt diesen Kontinent zu bereisen, waren wir zu weich? Doch je mehr Fragen aufkamen je weniger konnten wir beantworten. Wie hätten wir von der Währungsänderung am Anfang des Jahres erfahren können? Warum haben wir nicht schon vor Atar die Währung genutzt? Warum vertraut man blind einem Währungsrechner und seinen Recherchen? Warum sind wir trotz Zweifeln in die Werkstatt gegangen? Und wie sollte es nun weitergehen?

Vielleicht sieht die Welt ja nach einem Tee schon wieder besser aus – getreu dem Motto „don’t worry tea happy!“ Diesen bereiten wir im Schatten von Akazienbäumen, in unserer am Straßenrand gefundenen Teekanne, zu. Feuer koche unseren Tee und reinige uns. Doch das dreckige Gefühl bleibt und geht mit uns auf Reisen in die Landeshauptstadt Nouakchott. Dort angekommen ging es uns hauptsächlich um möglichst schnelle Schadensbegrenzung. Den für unseren Lebensstandard riesen Geldbetrag, den wir mit uns rumfahren, in Euros wandeln, oder irgendwie zurück auf unser Konto zu bekommen und noch ein wenig einzukaufen. Den ersehnten großen Auchan Supermarkt, der im Idealfall Zahnseide und Schokolade gehabt hätte und wo wir den ein oder anderen Ouguiya umsetzen wollten, gab es dann überhaupt garnicht. Nichtmal seine Grundmauern standen. Ein gefundener kleiner Supermarkt schloss vor unserer Nase seine Türen und die Banken hatten zumindest die nächsten zwei Stunden noch zu.

Ok, das läuft ja grandios! Wir brauchten jetzt zwingend ein Reset und zogen zum ersten Mal seid wir unterwegs waren in Erwägung einen Campingplatz aufzusuchen. Scheiß Kohle verliert man ja ohnehin, was immer man auch macht! Also entscheiden wir uns für den Luxus einer kalten Dusche und einer kühlen Brise am Strand Nouakchotts. Zumal lesen wir auf iOverlander, dass der Besitzer super hilfsbereit ist und gute Mechaniker kennt. Warum liest man sowas erst jetzt? Wie auch immer, hin da! Duschen und versuchen das dreckige Gefühl mit kaltem Wasser weiter zu bekämpfen. Und es tritt zumindest Besserung ein. Danach der obligatorische Tee im Schatten.

Wenig später kommt ein weiterer LandCruiser auf den Parkplatz gerollt. Bald schon sitzen wir mit Suze und Tomek beim Tee und tauschen uns über gemachte Reiseerfahrungen aus und auch das dunkle Kapitel Mauretanien kann so ein wenig besser verarbeitet werden. Von den zweien erfahren wir, dass wir nicht die ersten sind die in die Falle Währungsänderung getappt sind und sie einen Blog von Reisenden gelesen haben, die es schlimmer getroffen hat als uns. Wie sich herausstellt waren uns die zwei mit einem Tag Abstand durch Mauretanien gefolgt. Hatten sie ursprünglich den Plan durch Mali zu reisen, wurde dieser auf Grund von anstehenden Wahlen und Problemen mit der Sicherheitslage gekippt und sie würden mit uns in Richtung Senegal weiterreisen. Nun war auch die Problemlösung um’s Geld ein wenig durchdachter. Wir würden am kommenden Tag ohnehin benötigte Ersatzteile kaufen, unser defektes Solarpanel ersetzen und das verbleibende Geld in westafrikanischen Franc wandeln, da dieser für diverse Länder auf unserer Route gilt. Haj, der Campingplatzbesitzer würde uns auf unserer Mission begleiten und unterstützen. Nouakchott war dabei gewohnt stressig, aber es lief eigentlich echt gut. Ersatzteile, check. Solarpanel zu gutem Kurs, check. Geldwechsel auf dem Schwarzmarkt mit gefüllter Buchse, check und mit einem Verlust, den man schlimmer erwartet hätte. On Top haben wir mit Haj noch die Carte Brune, eine Kfz-Versicherung für Westafrika für die kommenden drei Monate organisiert. Am Folgetag verließen wir dann im Konvoi überglücklich Nouakchott.

Die Freude sollte aber nicht lange wehren. Bei der Suche eines Schlafplatzes fuhren sich Suze und Tomek fest und bei dem Versuch sie mit dem Seil zu bergen kommt es zu einer desaströsen Feststellung: unser Allradantrieb funktioniert nicht mehr! Das Problem, die Radnaben, sie lassen sich zwar drehen, aber der eigentliche Mechanismus dahinter schaltet nicht mehr. Vierradantrieb? Pustekuchen! Die Geschichte von Atar sollte also in einem zweiten Kapitel fortgeschrieben werden …

Kommando zurück nach Nouakchott zu Haj. Nachdem die Ersatzteile besorgt sind machen wir uns mit Tomeks Hilfe an die Reparatur. Die gestaltet sich zunächst schwieriger als erwartet, da einige Schraubenköpfe der Radnaben in der Werkstatt so ausgenudelt wurden, dass man sie nun nicht mehr gelöst bekommt. Im Gegensatz dazu kann man andere mit der bloßen Hand rausdrehen. Nachdem eine der Radnaben mit der Flex abgetrennt werden musste, machen wir uns an die Montage der Neuen. Doch fuck, die neuen Radnaben wollen einfach nicht richtig passen und sind trotz großer Vorsicht nach dem ersten Montageversuch im Arsch! Fuck! Als einzige Alternative kommen jetzt feste Radnaben zum Einsatz, die Tomek als Ersatzteil mitgenommen hatte. Diese passen haargenau! Bei der weiteren Durchsicht finden wir unter anderem noch mehr lose Schrauben an der Kardanwelle. Nachdem alles anständig nachgezogen ist, bleibt noch die Frage ob im Differenzial selber alles anständig festgezogen wurde. Es bleibt uns nichts anderes übrig als dem Ergebnis der Testfahrt im Sandkasten nebenan zu vertrauen und zu hoffen.

 

Unglaublicher Weise bekommen wir die kaputten Radnaben getauscht und unser Geld zurück. Einmal haben wir Glück. Tomek hat hingegen Pech, wird ihm sein Werkzeug nach Wartungsarbeiten am eigenen Auto tatsächlich noch geklaut! Wir haben allesamt mehr als genug von Nouakchott und Mauretanien, dem schwarzen Loch zwischen Marokko und dem Senegal, wie es unser Gastgeber Haj beschrieben hat. Auf in den Senegal!

 

Abschließend ist es zu bedauern, dass unser Besuch in Mauretanien leider diesen massiv negativen Touch bekam, durch schlechte Entscheidungen und das Treffen der falschen Leute. Aber auch dort gibt es Menschen wie Haj, die das Bild zumindest ein wenig verändern können.

Als letztes Abschiedsgeschenk nahmen Timo und Suze dann noch irgend einen Virus mit auf den Weg. Timo hatte bereits noch in Nouakchott 40 Grad Fieber und Schüttelfrost. Als der abgeschüttelt war gab es dann ordentlich Scheißerei obendrauf, die auch Suze erfasst hatte. Die Markierung unserer Route fiel also sehr flauschig aus.

50 Prozent der Besatzung war also bereits schon vor der nächsten Herausforderung, der senegalesischen Grenze, angeschlagen. Für den Übertritt wählten wir die Grenze bei Diama, die etwas mildere als die Nachbargrenze Rosso. Doch zunächst war es an der Zeit uns in Mauretanien auszuchecken, nicht ohne, dass wir die Fahrzeugausfuhr ohne uns erfindlichen Grund und das Öffnen eines Schlagbaums bezahlen mussten. Diskussion führte lediglich zu Trotzverhalten bei den Zöllnern, dann sollten wir halt die Grenze bei Rosso nehmen. Irgendwie wollten wir nicht hier schon unser Pulver verschießen, am Ende waren wir wohl nicht hartnäckig genug, doch wir wussten auch, dass die eigentlichen Diskussionen erst noch kommen würden …

Die Grenze zum Senegal, die sagenumwobene! Wir hatten viel recherchiert und dachten wir seien gut vorbereitet, auf den Kampf der uns bevorstand! Pah! Zunächst ging alles ganz einfach, das dreimonatige Visum war schnell im Pass. Im Anschluss ging es rüber zum Zoll und hier ging es dann los mit der guten alten Geschichte von den Autos, die auf Grund ihres Alters, sie seien ja älter als 8 Jahre, nicht in den Senegal eingeführt werden dürften. Wir hatten die offiziellen Zollbestimmungen im Vorfeld ausgedruckt, in denen die 8 Jahre nur für die permanente Einfuhr zum Tragen kommen und es bei der zeitweisen Einfuhr zu touristischen Zwecken keine solche Limitierung gibt. Des weiteren war dort von einem Passavant, dass bis zu drei Monaten ausgestellt werden kann, die Rede. Der Zöllner übte sich in Ausflüchten, zeigte sich ansonsten aber wenig beeindruckt von den Zollbestimmungen seines Landes. Er hielt an den 8 Jahren fest und gab uns zwei Optionen: A – sich in 48 Stunden durchs Land eskortieren zu lassen oder B – 250 € an eine Reiseagentur zu zahlen, die einem dafür bestätigt, dass das eingeführte Fahrzeug zu touristischen Zwecken genutzt wird und für die Ausfuhr des Fahrzeugs bürgt. Dann gebe es auch das Passavant, zumindest für 7 Tage. Wir gaben ihm zu verstehen, dass man von alledem nichts in den Zollbestimmungen findet und es für uns zum Himmel stinkt und wir seinen Vorgesetzten sprechen wollen. Dazu kam es dann auch und unsere Argumentation schien in soweit Wirkung zu zeigen, dass sich der Chef in Widersprüchen verstrickte und irgendetwas davon faselte er hätte ja schon mehrfach darum gebeten, dass man endlich die Bestimmungen berichtigte, die zu diesem Zeitpunkt gerade mal zwei Monate alt waren. So viel dazu! Sein Mangel an schlüssiger Argumentation sorgte hingegen nicht dafür, dass sich neue Optionen auftaten, geschweige denn, dass man uns ein Passavant für die üblichen 2.500 CFA etwa 4 € ausstellen würde. Als er uns am späten Nachmittag bat sein Büro einmal für eine Angelegenheit zu verlassen, bleiben wir, wir wollten uns nicht abwimmeln lassen. Doch dies geschieht dann eine Weile später als er uns erneut auffordert sein Büro zu verlassen, sonst würde er uns darin einschließen. Er habe jetzt schließlich Feierabend. Wir ziehen von dannen und beziehen Quartier für die erste Nacht an der Grenze. Am nächsten Tag geht es in Runde zwei, die leider gar nicht gut für uns ausgeht. Lisa macht ein Foto vom Zöllner wie er einem Mauretanier, mit einem deutlich älter als 8 Jahre altem Auto, ein Passavant ohne Umstände ausstellt. Dieser kriegt dies mit und fortan kippt die Stimmung. Kurz darauf kommt der Zöllner samt Chef auf uns zu und droht Lisa in Handschellen abzuführen. Die Situation eskaliert soweit, dass uns der Chef des Zollamtes das Telefon mit dem Foto aus der Hand reißt. Wir sollten umgehend das Foto löschen, was wir dann auch taten. Lisa bleibt auf freiem Fuß, doch unsere eingezogenen Fahrzeugpapiere bekommen auf einmal ganz neue Brisanz.

Eines steht fest – ohne Hilfe und ohne Schmiergeldzahlung in den Senegal einzureisen wird nun unter keinen Umständen mehr gelingen, waren die Chancen wohl ohnehin sehr gering. Wir versuchen also die Außenwelt auf unsere Situation aufmerksam zu machen. Wir kaufen bei einem der Jungs, die auch als Fixer fungieren, eine Simkarte. Er ist nett, erzählt aber die gleiche Story, wir müssten auf Grund des Alters unserer Fahrzeuge die Reiseagentur von Mr. Zargane kontaktieren. Zu allem Überfluss will er uns auch noch weismachen, dass unsere Versicherung im Senegal nicht gilt und wir hier eine neue kaufen müssten. Die Personalisierung der Simkarte dauert gefühlt Stunden und es bedarf zig Anläufe. Als wir dann endlich mit der Außenwelt verbunden sind ist es eigentlich auch schon zu spät, um wirklich viel auszurichten. Wir versuchen im Forum für Westafrikareisende Unterstützung zu finden, das Kontaktieren unserer Botschaften ist der Uhrzeit geschuldet vertagt. Lisa entschließt sich bei dem Zöllner und dessen Chef zu entschuldigen in der Hoffnung, dass der Umgangston sich wieder ein wenig neutralisiert. Die Entschuldigung wird zumindest akzeptiert. Im Forum finden sich derweil Unterstützer die für uns im Hauptzollamt in Dakar Partei ergreifen wollen. Auch eine Bekannte von Suze in Dakar, hat wie der Zufall es so will, einen Freund im Zollamt. Wir verspüren wieder einen Funken von Hoffnung. An diesem Tag bekommen wir dann noch Mr. Zargane das erste Mal zu Gesicht, der zwei Spaniern den Wisch für ihren Mercedes Vito für 250 € aushändigt. Für sie geht’s im Anschluss mit einem Passavant über die Grenze. Uns hingegen erwartet Tag 3 an der Grenze. Am Morgen telefonieren wir die niederländische, die polnische und die deutsche Botschaft ab, ohne auch nur von einer Unterstützung zu bekommen. Insbesondere die Deutsche glänzt mit absoluter Unwissenheit und das obwohl dieses Problem und die Abzocke seit Jahren besteht. Mehr Aktivität zeigen die Unterstützer aus dem Forum. Wir rufen dann noch zusätzlich im Hauptzollamt an um unsere Lage und Unzufriedenheit zu schildern. Wenig später werden auch die Jungs vom Zoll plötzlich aktiv und fordern eine schriftliche Entschuldigung von Lisa, ein weiteres Mal kommt es zu Drohgebärden. Lisa kann zu allem Überfluss gar nichts mehr. Sie ist zeitversetzt in das Karussell aus Fieber und Schüttelfrost mit eingestiegen. Mit kalten Kompressen versuchen wir für Kühlung zu sorgen. Lisas Situation ist ein Spiegel für die Gesamtsituation, ziemlich aufgehitzt und auch wir bewegen uns auf einem schmalen Grad. Nicht zu letzt weil nun auch die Jungs vom Zoll über unsere Anrufe und Bemühungen informiert waren. Aus Dakar vom Freund von Suzes Freundin bekommen wir eine private Nummer von Mr. Zargane gesteckt und die Info, dass er nun der Einzige ist der uns noch über die Grenze bringen kann. Nach vielem Ringen geben wir klein bei und rufen Mr. Zargane an und verhandeln mit ihm über seine Bürgschaft. 175 € pro Fahrzeug und er würde so schnell kommen wie möglich. Als er dann vor Ort ist hat sich Lisas Zustand soweit zugespitzt, dass auch Herr Zargane ins Schwitzen kommt. Er gibt uns Eis für Lisas Kopf und uns zu verstehen, dass wir tief in der Scheiße stecken. Im Hauptzollamt hätte ein weißer Mann den Zoll als korrupt beschimpft und sich allerlei angemaßt. Die Jungs vom Zoll seien daher gar nicht gut auf seine Bemühungen zu sprechen uns über die Grenze zu bringen. Wir beteuern lediglich Kontakt zu Suzes Freundin gehabt zu haben, eine Frau, von der wir auch seine private Nummer bekommen haben. Als nun auch die Jungs vom Zoll um Lisas Zustand wissen und sich von diesem selber überzeugt haben, geht auf ein Mal alles ganz schnell. Wir sehen zu, dass wir alle nötigen Dokumente für fucking 175 € in die Hände bekommen und zusammen mit Mr. Zargane über die Grenze kommen, haben wir doch mittlerweile einen Eindruck davon gewonnen was hier alles möglich war und wie sehr wir doch ausgeliefert sind. Zum Abschied gab es tatsächlich noch eine Entschuldigung vom Zollleiter und beste Wünsche für Lisa und unseren Aufenthalt. Wie soll man das nun wieder verstehen? Von Herrn Zargane gibt’s dann noch die Wegbeschreibung zum nächsten Krankenhaus, wo wir doch bitte schnellstmöglich hinfahren sollen.

Wir schlagen also den Weg nach St. Louis einer alten Kolonialstadt ein, halten unterwegs um Lisa mit Zucker in Form von Bananen und kaltem Wasser zu versorgen, was alles in hohem Bogen an der nächsten Tankstelle wieder rauskommt. Als wir St. Louis erreichen haben sich die Gemüter, soweit möglich, ein wenig abgekühlt und auch Lisas Zustand machte zumindest etwas Hoffnung, nachdem sie ein wenig geschlafen hatte. So sehr, dass wir ihrer Einschätzung, sie müsse nicht mehr ins Krankenhaus vertrauen. In St. Louis treffen wir dann noch einmal auf einen der Fixer von der Grenze, der uns mit auf Wiedersehen, bis Morgen verabschiedet! Wir sehen zu, dass wir Land gewinnen und finden weiter im Süden einen Platz an einer Lagune. Hier bleiben wir gleich einige Tage, da jetzt auch Tomek ausfiel und nun alle zum Markieren unseres Terrains beitrugen.

Doch dann wurde es Zeit nach Dakar aufzubrechen, wo wir unser Zolldokument für’s Auto nach 7 Tagen das erste Mal verlängern lassen mussten. Beim Betreten des Hauptzollamtes war es direkt zurück, das Gefühl von Unsicherheit und dem Ausgeliefert sein. Doch alles lief sutsche und wir mussten lediglich nochmal 4 € in die Portokasse des Zolls zahlen. Die kommenden Tage nutzten wir um die Visa für Guinea Conakry und die Elfenbeinküste zu beantragen. Die Visajagt war nicht nur für uns ein Thema, sondern auch für die Besatzung von drei weiteren Geländewagen, die nach uns im Yachtclub Quartier bezogen hatten. Majrein ein weiterer Holländer, den Suze und Tomek bereits aus Marokko kannten, ein französisches Pärchen und ein Englisches. Während wir auf unsere Visa warteten ging es in Runde drei – Vergangenheitsbewältigung Atar. Wir spülten das Differenzial mit Diesel, das dort anstelle von Benzin mit Seife gereinigt wurde und füllten es anschließend mit ausreichend und anständigem Öl wieder auf, das wir bereits in Nouakchott gekauft hatten. Um auf die Regenzeit in Guinea vorbereitet zu sein verlängerten wir die Entlüftung des Getriebes und der Differenziale bis in die Kabine, sicher ist sicher. Nach einer Woche Großstadtsmog ging es ein letztes Mal für uns auf Taxisafari in Dakar um unsere Visa einzusammeln und dann waren wir frei. Frei, den Senegal für die noch übrig gebliebenen 8 Tage zu erkunden, bevor die nächste und letzte Verlängerung des Passavants anstand.

Also, auf in die bunte Welt des Senegals und die Drohgebärde der Grenze vergessen machen …

 

Wir entschuldigen uns an dieser Stelle für die so dürftige Fotodokumentation, doch das Erlebte nahm uns jeglichen Anreiz dazu und die Bilder, die wir machten wurden vorsorglich, aus Angst vor den Kontrollen der Zöllner gelöscht. Alle übrig gebliebenen verloren wir dann letztendlich als unser Telefon den Geist aufgab.